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KI: Stirbt der Historiker aus?

Die Künstliche Intelligenz sorgt für eine rasante Veränderung der Arbeitswelt. Sieht man sich etwa die Ergebnisse der neuesten Studie aus dem Hause Microsoft an, so könnte etwa der Beruf des Historikers bald nicht mehr benötigt werden.

Noch stärker ist nur der Beruf des Übersetzers bedroht. Doch auf dem 55. Historikertag, der vom 16. bis 19. September 2025 in Bonn stattgefunden hat, zeigte sich ein anderes Bild: Die Historiker diskutierten zwar intensiv über den Einsatz von KI, jedoch weniger aus Angst, ersetzt zu werden, sondern mehr mit Blick auf neue Chancen, die sich hier ergeben könnten. Denn zwischen all der Skepsis, Faszination und methodischem Neuland wurde deutlich, dass die Zukunft der Geisteswissenschaften digitaler sein wird, als viele dachten, aber garantiert nicht menschenlos.

Wenn Maschinen Geschichte schreiben sollen

Die Schlagzeilen der letzten Monate haben natürlich für Unruhe gesorgt. In einigen Fachmedien war zu lesen: „Diese Berufe könnten bis 2027 durch KI verschwinden.“ In der Unterzeile stand: „Übersetzer und Historiker besonders betroffen.“ Der zugrunde liegenden Analyse zufolge liegt das sogenannte „KI-Risiko“ bei Dolmetschern bei 0,49, bei Historikern unmittelbar dahinter bei 0,48. Dabei handelt es sich um die rechnerische Wahrscheinlichkeit, dass der Beruf durch maschinelles Lernen und Sprachmodelle automatisiert werden könnte.

Auch wenn die Studie keine konkreten Vorhersagen über den Untergang des Berufsstandes trifft, so reichte diese Zahl aus, um die Fachwelt in Angst und Schrecken zu versetzen. Denn sie legt dadurch nahe, dass historische Forschung offenbar für Maschinen zugänglich sei. Jedoch haben sich hier sofort Experten diverser Branchenportale zu Wort gemeldet und Zweifel darüber geäußert. Der Tenor lautete: Historiker seien keine Datensammler, sondern Deuter und Interpretation könne von keiner KI ersetzt werden.

Genau diese Spannung zwischen algorithmischer Effizienz und menschlicher Deutung hat sich wie ein roter Faden durch die Debatten in Bonn gezogen. Auf Einladung der Gerda-Henkel-Stiftung haben die Wissenschaftler über das Thema „Mensch – Maschine: Ein neues Machtverhältnis?“ diskutiert. Die zentrale Frage wurde von Moderator Georgis Chatzoudis formuliert: „Menschen erschaffen Maschinen, um sich zu entlasten – aber übernehmen die Maschinen bald die Kontrolle?“

Wo endet der Mensch, wo beginnt die Maschine?

Natürlich gibt es Bereiche, die stark von der KI beeinflusst sind. Etwa der Bereich Gaming. Nicht spielbare Charaktere sind durch die KI heute wesentlich „intelligenter“ als früher und reagieren daher wesentlich besser auf den Spieler und seine Handlungen. Auch im Bereich Glücksspiel hat sich einiges getan. Heute erstellt die KI auf Basis des Spielverhaltens eigene Boni, schlägt aber auch Alarm, sofern sich das Spielverhalten verändert hat. Hier weiterlesen für mehr Informationen. Aber auch die Bilderstellung hat sich verändert – wer früher einen Grafiker benötigte, kann heute via KI Bilder kreieren lassen.

Die Philosophin Catrin Misselhorn aus Göttingen hat im Zuge des 55. Historikertags betont, dass die KI mehr sei als nur ein weiteres technisches Hilfsmittel. Sie sei kein „Hammer“, der dafür sorgt, dass die Hand länger werde, sondern eine Instanz, die autonom Entscheidungen treffe. Damit würde auch ethische Verantwortung neu verteil werden. „Wir wollen ja, dass sie selbstständig denkt“, sagte Misselhorn, „doch genau das bedeutet, dass wir Kontrolle abgeben.“

Eine KI, die keine klaren Daten findet, neigt dazu, zu „halluzinieren“. Ein Beispiel dafür lieferte der WELTGeschichte-Praxistest im Sommer 2025: Eine frühe Version von ChatGPT mit der Funktion „Deep Research“ hat nämlich kurzerhand ein nie existierendes Dokument gefunden und zwar einen angeblichen Gesetzesentwurf von Carl Schmitt aus dem Jahr 1932 über ein Parteiverbot der NSDAP. Die Erfindung klang zwar auf den ersten Blick sehr wohl plausibel, war aber völlig frei erfunden.

Für Historiker ist das ein ganz klarer Tabubruch. Eine Quelle, die nicht zu überprüfen ist, verliert automatisch ihren Wert. Wer sich also blind auf die KI stützt, der riskiert, dass die Grundprinzipien wissenschaftlicher Arbeit verletzt werden. Dazu gehören nämlich Nachvollziehbarkeit, Belegbarkeit und das kritische Urteil.

Nicht erst seit heute verändern Maschinen das Leben

Der Leiter des Centre for Contemporary and Digital History, der Luxemburger Historiker Andreas Fickers, erinnerte unter anderem daran, dass Technik schon immer das Verhältnis zwischen Menschen und Zeit verändert hat. So hat etwa die Uhr eine Struktur in den Tag gebracht und die Eisenbahn die Mobilität neu definiert. Nun zwingt die KI die Geisteswissenschaften, über ihre eigene Methodik nachzudenken.

Auch der Berliner Wissenschaftshistoriker Matteo Valleriani warnte vor Alarmismus. „Die KI ist schwer zu durchschauen, ja“, räumte er ein, „aber das gilt für viele gesellschaftliche Systeme.“ Am Ende würde die Gesellschaft selbst darüber entscheiden, wie viel Macht sie den Algorithmen überlassen wolle. Diese Machtfrage sei zudem keine technische, sondern eine politische und kulturelle.

KI als Werkzeug der Forschung oder als Gefahr für die Tiefe?

Erstaunlich war, wie gelassen viele der Historiker mit der Thematik umgegangen sind. In mehreren Panels berichteten junge Forscher von ihren ersten Projekten mit Chatbots, Textanalyse-Tools und automatisierten Suchsystemen. Dabei gab es einen gemeinsamen Nenner: KI erleichtert die Arbeit, wenn es etwa darum geht, große Textmengen zu erfassen oder wenn man statistische Muster erkennen möchte. Aber die KI ersetzt noch lange nicht das Denken.

Die meisten Vorträge in Bonn sind übrigens ohne komplexe KI-Anwendungen ausgekommen oder die Historiker haben sie nur begrenzt eingesetzt, beispielsweise, um Metadaten quantitativ ausarbeiten zu können. Doch überall war zu spüren, dass sich das Selbstverständnis des Faches gewandelt hat. Die KI zwingt die Historiker, ihre eigenen Methoden zu reflektieren und das könnte langfristig zu einem Qualitätssprung führen.

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